Vom Winde verweht

Frag ich mich doch schon seit geraumer Zeit, warum in diesem müden Blog hier keine neuen Einträge zu lesen sind, da fällt mir auf, dass sich ja außer mir (oder vielleicht sogar inklusive mir) keiner dafür zuständig zu fühlen scheint. Es wurden daher auch schon wieder Gerüchte gestreut, ich wäre in einer schwedischen Klappse gelandet oder von einem Elch überrannt worden.

Beides stimmt nicht. Ich werde auch dafür sorgen, dass irgendjemand hier eine entsprechende Benachrichtigung hinterlässt, sollte eines der beiden Szenarien eintreten. Warum also gab es den ganzen Sommer über nichts zu lesen hier... Ja, das weiß ich eigentlich auch nicht.

Angefangen hat die umtriebige Zeit nach Midsommar jedenfalls mit einer Konferenz in Budapest. Die wurde anlässlich des 100. Geburtstags von Paul Erdös organisiert und außer mir waren gut 700 andere Mathematiker der Einladung gefolgt, darunter das absolute who-is-who der Szene – wenn in diesem nerdigen Zusammenhang solch hippe Ausdrücke überhaupt einen Sinn ergeben können... Ich bin jedoch eher dem olympischen Motto gefolgt. ;-)

Bevor ich mir aber die allgegenwärtigen Defizite im Sozialverhalten von den Obernerds anständig abschauen konnte, stand der Familienurlaub an der üblichen istrianischen Wasserstelle an. Und dieses Mal war dort nicht einmal ein Mangel an Süßwasser zu beklagen. Highlights der übrigen Sommerwochen war eine gewisse Ausflugsmanie: Von Vogt aus zum Wandern nach Vorarlberg, von Göteborg zu einer Konferenz nach Varberg und von Lund per Fahrrad nach Falsterbo, dem südwestlichsten Zipfel Schwedens und einem Mekka für Golfer und Zugvögel. Irgendwie ist es mir gelungen, den gesamten Sommer mit Arbeit und Vergnügen und einer Mischung aus beidem zu fülllen.
Zurück hier in Guldheden ist die Zeit aber auch nicht sinnlos verstrichen. In Eigenarbeit haben wir den Studiehem-eigenen Billardtisch komplett auseinander genommen und mit einem nigel-nagel-neuen Top-Tuch (Kostenpunkt: etwa 250 Euro) bespannt. Jetzt bringt das gute Stück in edlem Weinrot etwas Glanz in die Hütte!
Die Handballsaison ist auch wieder voll im Gange – mit Schrecken muss ich in regelmäßigen Abständen die neuesten Pleiten des MTV, variierend von sauknapp bis haushoch, auf der Homepage nachlesen. Dass Barnd als Berichteschreiber in Streik getreten ist, kann ich gut nachvollziehen. Vielleicht will er ja diesen Blog hier übernehmen...
Aber was soll ich sagen, das erste Saisonvorbereitungsspiel des Chalmers HK gegen den letztjährigen Meister Backa Sharks hatte ein ähnliches Endergebnis wie die Rutsche, die sich Hergens Truppe in Lehrte abgeholt hat. Um genau zu sein wurden wir mit 42:13 noch eine kleine Spur anständiger gebügelt, will ja gar nicht verschweigen, dass ich da mit von der Partie war. Wenn ich also im letzten Spiel vor Weihnachten noch mein Debüt in der Regionsoberliga geben sollte, werde ich mich im wahrsten Wortsinne auf die Saison vorbereitet haben...

Die Serie selbst hat hierzulande nun vier Spieltage hinter sich und mit je zwei Siegen und zwei Niederlagen stehen die Jungs etwas unentschlossen im Mittelfeld der Tabelle. Das erste Match ging sang- und klanglos gegen den Aufsteiger OLDRIK verloren, die Rentnertruppe, der eigentlich auch Magnus Wislander angehört. Jener war aber noch nicht mal dabei, weil er angeblich als Teil der „Äventyrsresa" – dem schwedischen Äquivalent zum Dschungelcamp – Besseres zu tun hatte. Inzwischen wächst die Truppe mit wieder knapp 10 neuen Spielern zusammen und vorgestern wurde sogar ein 14:27-Auswärtssieg eingefahren!
Ähnlich ja auch der emotionale Verlauf des Fußballländerspiels in Solna (zumindest aus meiner Sicht). Zuerst musste ich mir die Häme und das Gegröle der einheimischen Studiehem-Bewohner anhören, bevor dann ein Potpourri an individuellen Fehlern auf schwedischer Seite der DFB-Elf die eindeutige Oberhand bescherte. Interessanterweise wollten – im Gegensatz zum 4:4 vor Jahresfrist – am darauffolgenden Tag nicht so viele Schweden wissen, ob ich denn auch das Spiel geschaut hätte... ;-)
Kurz nach dem Duell versuchte ich mich damit raus zu retten, dass Deutschland Schweden so Frankreich als Play-off-Gegner erspart hätte, aber mit dem nun zugeteilten Los Portugal ist dies eher ein fadenscheiniger Vorwand als wahrer Trost. Die Hoffnung, dass Ibrakadabra den mindestens so extravaganten CR7 von der WM in Brasilien fernhält, besteht aber nach wie vor und stirbt zuletzt.

Die Uni ist ebenfalls seit einigen Wochen aus dem Sommerschlaf erwacht und meine ersten ernstgemeinten wissenschaftlichen Veröffentlichungen stehen endlich in den Startlöchern. Damit allein könnte ich mich was die erneute Vernachlässigung des Blogs anbetrifft rausreden. Wem also die sporadischen Einträge hier nicht genug sind, der kann sich demnächst vielleicht mit dem Abonnement von mathematischen Fachzeitschriften über Wasser halten. Heute Nachmittag war an der Uni allerdings gar nichts los. Wegen einer Sturmwarnung wurden alle um drei nach Hause geschickt (und das meine ich wörtlich!). Ich hätte mich ja nicht zu sehr davon beeinflussen lassen, mein Heimweg ist recht überschaubar und im Zweifel am Boden kriechend zu bewältigen, aber der Dekan persönlich kam in die beleuchteten Büros und schickte ihre Insassen in aller Eindringlichkeit nach Hause. Dieser unbändige schwedische Sicherheitsgedanke...

Zugegebenermaßen kann man im Moment wunderbar mit gekipptem Fenster stoßlüften und einen Drachen steigen zu lassen ist gerade nicht nur wegen der Dunkelheit keine gute Idee. So sitzen jetzt alle in den eigenen vier Wänden und schauen einen Film oder hoffen (wie ich) darauf, dass kein Baum in irgendwelche Internetleitungen fällt.

Vor gut zwei Wochen war ich übrigens – völlig unbemerkt – in der Wedemark zu Besuch. Mein umtriebiger Neffe feierte seinen zweiten Geburtstag, sein Brüderchen wurde getauft. Dafür kann man sich dann schon mal stundenlang in einen völlig überfüllten ICE von Kopenhagen nach Hamburg setzen auch ohne das Ganze mit einem Gastspiel beim MTV verknüpfen zu können. Die Gelegenheit kommt ja vielleicht im Dezember. Ist der Grieche und die Bowlingbahn eigentlich schon vorgewarnt?!? Der Frust über den Saisonverlauf wird ja vermutlich im Konsum übertriebener Fleisch-Portionen und mit der großkalibrigen Jagd auf unschuldige Pins seinen Ausdruck finden.