Wenn man sich mal sicher fühlt...

...dann kommt meist darauf ein böses Erwachen. Das scheint zumindest die Sportwelt in den letzten Wochen lehren zu wollen. Gerade im Hinblick auf deutsch-schwedische Fußballduelle bieten die vergangenen Tage diesbezüglich ja allerhand Berichtenswertes.

Soviel sei vorweggenommen: Wie angekündigt habe ich mich pflichtbewusst dem WM-Qualifikationsspiel in Berlin abgewandt und dem Training zugewandt um es dann später zugegebenermaßen etwas zu bereuen. Vor dem Spiel wurde ich gefühlt von jedem zweiten dazu eingeladen, das Spiel mitzukucken, danach von wirklich jedem Schweden meines Umfelds zu einer Diskussion herausgefordert, wie man denn innerhalb einer halben Stunde einen 4:0-Vorsprung verdaddeln kann. Einer (für solche waghalsigen Interpretationen berühmt und berüchtigt) wollte sogar argumentieren, dass die Deutschen noch Glück gehabt hatten, nicht 4:5 zu verlieren (und das bei einem fragwürdigen Ausgleich in der 93. Minute, also ich weiß nicht....). Jedenfalls konnte ich mich dem unliebsamen Thema wunderbar entziehen durch den Hinweis darauf, dass ich außer den Highlights nichts vom Spiel gesehen hatte und ich ein 4:4 als ein schiedlich friedliches und vor allem höchst sehenswertes Ergebnis erachte.

Mir kam auch folgender Vergleich zu Ohren: Das deutsche Spiel war wie ein IKEA-Regal. Wenn man den Eindruck hat aus dem Gröbsten raus zu sein und dass alles wie geschmiert läuft, bricht die ganze Chose in einem Augenblick der Unachtsamkeit zusammen wie ein Kartenhaus. Treffende Parallele, aber für beide Seiten wenig schmeichelhaft ;-)

Ähnlich sicher wie die DFB-Elf dürfte sich auch die Truppe aus Lerum gefühlt haben, wo die Chalmers-Mannschaft vorletzten Sonntag zu Gast war und schon zur Halbzeit mit sechs Toren zurücklag. In der zweiten Spielhälfte wuchs allerdings unser Torwart über sich hinaus und ein 7m-Pfiff samt verwandeltem Strafwurf sorgte mit dem Schlusspfiff für ein 28:28 Unentschieden. Aus der Zuschauerperspektive in jedem Fall ein sehr sehenswertes Match, selbst wenn ich den Jungs angesichts dieses Kraftaktes auch zwei Punkte gewünscht hätte. Wie schnell ein 5-Tore-Vorsprung durch den Kamin ist, kann man mittlerweile auch beim HSV Hamburg erfragen. Dies soll jetzt allerdings nicht die Chalmers-Truppe mit dem THW vergleichen, lediglich den Roten Faden knüpfen...

Dann war am vergangenen Donnerstag halb Hannover in Helsingborg zu Gast. Also zum einen die 96er zwecks Europa League und dann noch unzählige Fans, die mit Bus, Bahn, Fähre, Auto und Flugzeug in Südwestschweden eingefallen sind. Ich hatte mir schon bei der Auslosung geschworen, dass ich dem Spiel beiwohne, sollte Hannover nach Schweden kommen müssen und nun wurde das Vorhaben Wirklichkeit. Der Kommentator beim Spiel in Enschede hatte noch pekiert darauf hingewiesen, dass die Holländer keine übriggebliebenen Tickets nach Deutschland verkaufen wollten um den Heimvorteil zu wahren - halbleeres Stadion und ökonomische Verluste hin oder her - und Helsingborg da viel kooperativer sei. In der Zeitung war hier dann allerdings zu lesen, dass die Verantwortlichen von Helsingborgs IF den Verkauf übers Internet an User mit deutschen Kreditkarten sperrten, als zu den 1250 Gästekarten knapp 2500 weitere in diese Richtung verkauft worden waren.

So hörte man schon donnerstags nachmittags außer dem schrägen Skåne-Dialekt reinstes Hochdeutsch in den verwinkelten Gassen Helsingborgs und im Stadion waren die gut 8000 Zuschauer (die das durchaus überschaubare Stadion dennoch nicht annähernd füllten) etwa zu gleichen Teilen "Rote" bzw. "Rot-blaue".

Wir saßen genau 3m hinter Mirko Slomka und waren ähnlich erfreut über die frühe Führung durch Diouf. Diese wurde trotz unwirtlicher Kälte und mehrfach einsetzendem Schneehagel ausgesessen, bis in die Nachspielzeit. Dann drohte sich Geschichte zu wiederholen und beim späten Ausgleich gab so mancher Schwede die gewohnte Zurückhaltung auf. Doch dann waren es die Hausherren vom HIF, die sich eine knappe Minute zu sicher fühlten um den bösen Gegenschlag aus Niedersachsen in seiner Entstehung zu übersehen. Tja, wer zuletzt lacht...

Auf alle die den Spruch "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung!" zutreffend finden, passt der Titel dieses Eintrags übrigens auch. Kleidung hin, Kleidung her, die 90 Minuten im Olympia waren undankbar kalt, auch mit langer Unterhose und Zwiebeltaktik. In den 4 Minuten Nachspielzeit ließ es sich dann wieder besser ertragen :-)

96 fühlte sich wohl auch am Sonntag schon einigermaßen sicher, als Borussia Mönchengladbach - Spitzname "Schweden der Bundesliga" - zur Aufholjagd blies. Das bleibt als Essenz des Erlebten in jedem Fall hängen: Bis zum Schluss vollen Widerstand leisten, sonst gehen alle schon sicher geglaubten Schäfchen nochmal baden.

Freunde des österreichischen Fußballs werden jetzt nur gequält schmunzeln, denn zum einen ging Rapid letzte Woche 0:4 gegen Bayer Leverkusen unter (und ist damit noch schlechter als die Bayern aus München) und zum anderen boten sie im Euro League Spiel davor ein weiteres Beispiel der Kategorie "so nicht!": Mitspieler Guido Burgstaller ging in einem gegrätschten Anfall von Wahnsinn auf seinen Gegenspieler los und handelte sich kurz vor Spielschluss eine dunkelrote Karte ein. Ich will nicht nur darauf hinaus, dass das mit dem "vollen Widerstand" mehr im übertragenen Sinne zu verstehen ist, sondern auch auf eine mit dieser Aktion verbundene Komik hinweisen. Der ukrainische Betroffene hört nämlich auf den spanisch klingenden Namen Cristian Villagra (sprich 'Vijagra') und entnervte den guten Guido vermutlich schlicht und ergreifend durch sein Stehvermögen!

Als Moral dienen diese Worte Goethes:

"Denn, was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen"
(schließt Unentschieden und rote Karten mit ein, denk ich)