Jahresrückblick Teil 1

Nun ist mittlerweile schon wieder Butler James in immer wieder aufs Neue erstaunlicher Zuverlässigkeit über den Tigerkopf gestolpert – will heißen, dass man jetzt beim Datum-Schreiben gerade wieder höllisch aufpassen muss. Den Jahreswechsel hat ja beinah jede Instanz in den Medien zu einem Rückblick auf 2012 genutzt. Und da meine guten Vorsätze auch diesen Blog mit einschließen, will ich mich da – wenn auch leicht verspätet – direkt anschließen.
Die zusammen mit dem alten Jahr abgeschlossene Nachlässigkeit bei der Betreuung meines Blogs ließ vor allem die zweite Jahreshälfte recht unberichtet. Was mir davon im Gedächtnis geblieben ist, umfasst auf jeden Fall meinen zweiten Trip nach Kanada im Juni.


2 Wochen Kurse + 2 Wochen Konferenz = 1 Sommermonat in Montréal als akademisches Comeback in Québec. Die Vorfreude auf eine Rückkehr nach Nordamerika war groß, aber wer hätte gedacht, dass diese vier Wochen pure Sommerhitze sein würden...?
Die Erhebung meiner Schwester in den Stand einer Doktorin der Tiermedizin hab ich gewissermaßen auf der Durchreise gestreift um dann von Hannover über Frankfurt und mit einer Air-Canada-Luxusmaschine über den Atlantik zu fliegen. Während in Frankfurt – wie schon früher mal erwähnt – aus gegebenem Anlass (Beginn der Fußball-EM) die vorherrschende Reiserichtung gen Osten (Polen & Ukraine) war, schaffte ich es trotz der sieben Stunden (= zweieinhalb aktuelle Hollywoodfilme) Transfer in die entgegengesetzte Richtung – auch dank des zum Wohle aller eingerichteten Expressbusses vom Flughafen in Dorval in die Innenstadt von Montréal – rechtzeitig um 14.45 Uhr mit Deutschland-Trikot in einem Pub vor einer Beamerleinwand zu sitzen. Deutschland - Portugal wurde dort – mit durch den launischen Beamer verursachten Unterbrechungen – gezeigt. Da der immer wiederkehrende Bildausfall die Grundaggressivität steigerte und sich der Pub inmitten des portugiesischen Viertels befindet musste ich befürchten ob des Ergebnisses angefeindet zu werden. Aber so sehr Kanadier angesichts europäischer Wurzeln mit Fußball-Großereignissen mitfiebern, so sehr haben sie auch das unverwüstlich entspannte Gemüt in ihrem Heimatland erhalten.
Tags darauf nutzte ich dann mit meinem ehemaligen Mitbewohner Jeff die Gunst des Timings und wohnte dem Formel-1-Rennen bei – 2009 hatte mich ja dieser Gelegenheit beraubt. Außer dem Sieg von Lewis Hamilton gab's Niki Lauda hautnah und den ganzen Trubel rund um das Rennen zu erleben. Zuschauer mit gesundem Menschenverstand hatten Ohropax am Start, aber das Gedröhne war dennoch ohrenbetäubend. Ob die Menschen rund um den Circuit Gilles Villeneuve angesichts der Bullenhitze dem Tinnitus oder dem Sonnenstich näher waren, lässt sich im Nachhinein kaum entscheiden, aber die anwesenden Sanitäter hatten jedenfalls genug Dehydrierte zu betreuen.
Weitere nicht-akademische Highlights waren definitiv die Eröffnung des Stadtstrandes direkt am Sankt-Lorenz-Strom und das Fußballspiel mit den anderen Konferenzteilnehmern in sengender Juni-Sonne. Die Organisatoren hatten (für flotte 150 CAD die Stunde) 90 Minuten auf dem McGill eigenen Fußballplatz gebucht. Das spielerische Niveau des Matches war der Platzgebühr nicht ganz angemessen, aber dennoch deutlich höher als man bei einer Ansammlung von Mathematikern erwarten durfte.
Meine ausgelebten Wiedersehensfreuden beschränkten sich allerdings nicht allein auf meinen ehemaligen Mitbewohner. Das Wochenende, was gewissermaßen die Halbzeit meines Aufenthalts markierte, verbrachte ich im Kreise der alten Handball-Kollegen von den Celtiques in den Laurentides. Einer davon hatte nämlich sowohl Geburtstag, als auch ein Ferienhaus in dieser knapp zwei Autostunden nördlich von Montréal gelegenen Halbwildnis. Dort gibt es außer Wäldern, Seen und ganz vereinzelten Häuschen vor allem Mücken. Dies und die Tatsache, dass es fernab der Stadt, abends nicht 27, sondern 17°C hatte, machte meine Nachlässigkeit nur kurze Hosen mitzunehmen doppelt unglücklich. Den zweiten Platz beim hochdotieren Late-night-Poker konnte ich allerdings auch mit kurzen Hosen einfahren. Gegen kurz nach halb zwei nachts hatte Kanadas Handball-Nationalkeeper Jo im Heads-up das bessere Ende für sich und konnte sich den Löwenanteil der von der zum Großteil schon im Bett oder Delirium (oder auch beidem) befindlichen zehnköpfigen Partytruppe bezahlten Einsätze einstreichen.

Die den Teilnehmern der Summer school zur Verfügung gestellten Unterkünfte (Studentenwohnungen der Université de Montréal) waren zum einen zweckmäßig puristisch, zum anderen aber auch irgendwie elegant. Die kleine Butze im 18. Stock eröffnete jedenfalls einen wunderbaren Blick über den Norden der Stadt und auch bei dunstiger Abendhitze ging in der Höhe am nördlichen Hang des Mont Royal immer ein kleines Lüftchen. Als eines Tages der Aufzug für einen ganzen Nachmittag ausfiel, war das beinah oberste Stockwerk zu bewohnen mehr Fluch als Segen. Was es jedoch in erster Linie zu bemängeln galt, war die Tatsache, dass die Verwaltung für den einen Monat Internetanschluss 75 kanadische Dollar (knapp 60 Euro) sehen wollte. Das letzte Mal, als ich so für einen Anschluss abgezockt wurde, war ich noch T-offline-Kunde – im Gegensatz zu der Auseinandersetzung mit dem magentafarbenen Bonner Inkasso-Unternehmen behielt ich dieses Mal allerdings mein Geld.

Gegen Ende meines zweiten Kanada-Aufenthalts besuchte ich dann noch Reinhard, den Cousin meines Vaters samt Familie (die mich ja 2008 die ersten Tage beherbergt hatten) und das Jazz Festival – eine der beliebtesten Musik-Festivals Nordamerikas, das die gesamte Innenstadt für knapp zwei Wochen in eine Bühne verwandelt. Damit nahm das kanadische Sommermärchen dann Anfang Juli sein Ende und nur die schlampig gewartete Boeing 777 verhinderte zunächst eine Rückkehr nach Europa. Zuerst waren es Probleme an der Mechanik der Tragflächen, als dann nach knapp zwei Stunden auf dem Rollfeld der Flieger wegen elektrostatischer Aufladung nur am Terminal aufgetankt werden konnte... Kurzum, genau einen aktuellen Kinofilm später hob der flügellahme Düsenjet doch noch gen Brüssel ab, wo ich dann statt 12 nur noch 9 Stunden Aufenthalt hatte. Die haben zu einer reichlich jet-lag-verzerrten Stadtbesichtigung samt Europaparlament und Manneken Pis trotzdem noch gereicht. Vermutlich einigen nicht bekannt ist, dass der kleine Strullermann in der europäischen Hauptstadt mittlerweile ein weibliches Gegenstück bekommen hat: Jeanneke Pis :-)

Da der gesamte Monat in Montréal zwar sommerlich heiß und mit viel Vergnügen verbunden war, dennoch als Arbeitsaufenthalt gewerten wurde, sah der August für mich noch einen Urlaub im eigentlichen Wortsinne in Istrien vor. An der altbewährten Oase der Erholung, Hautbräunung und des Beachvolleyballs war es 2012 aber nicht nur sonnig-heiß, sondern vor allem auch trocken. Während sich in Göteborg Gebliebene bei Dauerregen fragten, ob „Sommer" ein Wetter- oder Kalenderphänomen sei, war im Nordwesten Kroatiens wegen seit Mai ausbleibender Niederschläge akuter Wassermangel angesagt und das Bewässern von Grünflächen, sowie die Benutzung der Duschen am Meer bis auf Weiteres untersagt (um den nicht in einer Kläranlage wiederaufbereitbaren Wasserverbrauch einzudämmen). Ich muss mal recherchieren ob es im Schwedischen überhaupt ein Wort für „Wassermangel" gibt...
Ein lokaler Comedian hat die lästig nassen Sommer an Schwedens Westküste indes so zusammengefasst: „Als mich ein guter Freund dieses Jahr besucht hat, wollte er wissen, ob das Wetter hier im Sommer immer so durchwachsen sei. Ich hab ihm empört geantwortet, dass der Sommer dieses Jahr doch gar nicht so schlecht gewesen sei. Es habe lediglich an 2-3 Tagen geregnet. Die anderen 3-4 Tage waren recht sonnig..."

Ok, genug der Häme. Ich hatte in den zwei Monaten Schwedenflucht Sonne satt und sollte mich deshalb lieber im Stillen freuen statt die Wunden nachzusalzen. Mitte August 2012 hatte Schweden mich dann wieder und der Rückblick geht noch vor August 2013 weiter, versprochen!