Ein Haufen Wolkenkratzer in der Wüste

Die Flucht vor der Kälte und vor allem Dunkelheit des vergangenen westschwedischen Winters nach Deutschland war zwar schon ein ganz ordentlicher erster Versuch, aber höchstens was die längere Tageshelligkeit angeht ein Teilerfolg. Grund genug also, das Vorhaben diesmal gründlicher anzugehen und nach einer Stippvisite bei der an der Mellendorfer Bowling-Bahn gestrandeten MTV-Weihnachtsfeier direkt über Istanbul nach Dubai weiterzureisen.

Das Ziel unserer Pauschalreise war zuerst mal ein 5-Sterne-Hotel in Sharjah, dem Emirat nördlich von Dubai, wo es an sich noch etwas beschaulicher und vor allem auch islamisch-geprägter zugeht als beim bekannteren Nachbarn. Der Petrodollar-genährte Bauwahn ist aber auch dort schon länger ausgebrochen und die Verwestlichung der Wüstensöhne und -töchter in vollem Gange. Da die Flugverbindung undankbar spät nachts eine Landung auf dem Dubai International vorgesehen hatte, ließ sich der erste Tag – abgesehen von dem opulenten Frühstücksbuffet – sehr ruhig an. Das Wetter bot zum Erstaunen aller bewölkten Himmel, ein paar Tropfen Regen, aber auch knapp 20 Grad (plus, Celcius). Ein mittelgroßer Spaziergang Richtung Stadtzentrum belegte eindrücklich, dass Sharjah neben dem Schwan Dubai definitiv das hässliche Entlein ist, aber die Öl- und Gasfelder sind halt auch unter den sieben Emiraten nicht gerade fair verteilt.
Abu Dhabi hat etwa 85% des Ölvorrats, Dubai etwa 15%, Sharjah hat seinen Anteil bereits komplett gefördert und konzentriert sich nun auf die Erdgas-Gewinnung und die anderen vier hatten nie etwas.

So eine Art Länderfinanzausgleich ist den Scheichtümern jedoch nicht fremd. Generell gilt: Wer bedürftig ist, bekommt auch was – allerdings nach Gutdünken der reichen Herrscher und als Ausländer schon gar nicht.
Was die so viel bewunderten Vereinigten Arabischen Emirate nämlich im Bezug auf Arbeitsimmigration abziehen, klassifiziert sie in meinen Augen als parasitären Schurkenstaat erster Güte. Als mehr oder weniger gut ausgebildete Arbeitskräfte kommen unzählige Inder, Pakistanis und deren Freunde ins Land (von den 7 Mio. Einwohnern der VAE sind gerade mal gut eine Mio. einheimisch!) und dürfen tatkräftig dabei mithelfen, das Kapital der Ölindustrie in Hochhäuser und künstliche Inseln umzugestalten, müssen ihr Visum jedoch alle 2 Jahre erneuern. Wer keinen Job mehr hat, ist dann raus. Wer nicht mehr als grob 2000 Euro monatlich verdient, kann seine Familie gepflegt zu Hause (in Indien) lassen und mit 65 Jahren ist eh Schluss. Ein Unternehmen darf man in den VAE als Ausländer übrigens auch nicht gründen, es sei denn man hat einen einheimischen Teilhaber, der mindestens 51% davon besitzt, die einzige Ausnahme von dieser Regel bilden die extrem nachgefragten Freihandelszonen.

Wer allerdings von Geburt an Emirati ist, der hat es besser: Mit der Volljährigkeit steht jedem Mann (jaja... Artikel 3, Absatz 2 unseres Grundgesetzes hat sich auf der Arabischen Halbinsel noch nie jemand durchgelesen...) ein Haus zu. Hat eine arme Wurst selbst nicht das Geld dazu eines zu bauen, macht es der Staat und überlässt das Haus dann der Wurst. Genau genommen bekommt jeder sogar zwei Häuser. Ein Wohnhaus und direkt davor ein separates Gästehaus, in dem Gäste empfangen werden können ohne das Familienleben (= den Harem?) des Besitzers zu stören.
Diese Hartz-4-Villen reihen sich unter anderem an der Hauptverbindung zwischen Dubai und Abu Dhabi. Und das klingt jetzt weniger idyllisch als es tatsächlich ist. Der Vorgänger (=Vater) des heute in Abu Dhabi herrschenden Scheichs hatte nämlich einen kleinen Tick was Grünzeug angeht und kam auf die Idee links und rechts dieser Autobahn einen wenige hundert Meter breiten Streifen Wüste mit anhaltender Bewässerung künstlich zu bepflanzen. Das Wasser dafür wird wiederum mit viel Aufwand in Aufbereitungsanlagen aus Meerwasser gewonnen. Eins steht schon mal fest, solche Probleme gibt's in Schweden nicht – Erderwärmung hin oder her...

Bei einem Tagesausflug in die Innenstadt von Dubai konnte sich am zweiten Tag jeder von der extrem überschaubaren Altstadt überzeugen und beim Wolkenkratzer schauen eine Genickstarre holen oder durch mangelnde Englischkenntnisse negativ auffallen (s. Bild). Der Hammer schlechthin war jedoch der verpflichtende Busstopp in einem neueröffneten Juwelierladen gleich am Anfang. Während sich der eine Teil der Reisegruppe über den Hauch von Rheuma-Decken-Ambiente echauffierte, nutzten einige Anhänger von Trabbis und Bückware die Chance zum hemmungslosen Schmuckshopping und ließen den Bus damit noch länger warten – schon lustig so eine bissige Diskussion unter Ossis als Unbeteiligter...

Naja, um fair zu sein, es gab danach viel zu sehen (an Sehenswürdigkeiten, nicht weiteren Boutiquen) mit Highlights wie der Fahrt über den Dubai Creek mit einer der Dhaus, dem Besuch beim Atlantis-Hotel auf der Jumeirah Palme und abschließend etwas Freizeit in der Dubai Mall am Fuße des Burj Khalifa.

Der darauffolgende Tag bot einen Ausflug nach Abu Dhabi, den sich Mareile aber zu Gunsten eines Tags am Pool lieber gekniffen hat :-)
Erster Halt war die selbst für Kritiker des Halbmondes beeindruckende Sheikh Zayed Moschee vor den Toren der Hauptstadt. Dieser Gebetsplatz, der theoretisch für 40000 Gläubige Platz bietet, wurde von dem Kerl mit dem grünen Daumen initiiert/finanziert und ist unkreativerweise auch nach ihm benannt. Der noch drei Jahre vor der Eröffnung verstorbene Scheich kann sich sein beeindruckendes Bauwerk jetzt immerhin von unten anschauen, er liegt nämlich direkt daneben begraben. Man sagt, dass man als Sunnit von Allah alle Sünden vergeben bekommt, wenn man seinen Glaubensbrüdern eine Moschee baut (bzw. bauen lässt). Das erklärt schon mal die vielen Moscheen, aber wirft Fragen nach dem Kerbholz von Scheich Zayed auf...

Weiter ging's zur Uferpromenade samt Herrscherpalast, Mittagessen gab es dann im Yas-Marina-Hotel direkt auf der Formel-1-Rennstrecke. Man muss wirklich bestätigen, dass zwar auch im größten Emirat blinde Bauwut herrscht, diese aber weniger größenwahnsinnig ist und eine unübersehbar kulturelle Komponente enthält. So entsteht unweit der Formel-1-Strecke eine Kultur- und Museumsstadt mit Ablegern von Louvre und Guggenheim-Museum. Bisher sind jedoch nur die Aufschüttung der Insel und der Bau einer 8-spurigen Autobahn als Anbindung, sowie einige Wohnungsbauprojekte abgeschlossen. Scheint also auch in naher Zukunft noch genug Verwendung für die Kohle zu geben, die klebrig schwarz aus der Wüste sprudelt.

Am Tag danach zogen wir von Sharjah auf die Palmeninsel am südlichen Stadtrand von Dubai um, damit noch ein Badeurlaub daraus werden würde. Nach einer ersten Plantsch-Runde bei gut 30° Luft- und etwa 24° Wassertemperatur brachte uns der nächste Ausflug in die Wüste kurz vor der Grenze zum Oman. Dort wurden zur touristischen Belustigung die Jeeps die Sanddünen hinauf und wieder hinunter gejagt. Unser Fahrer hatte sich auf dem Weg dorthin einen Nagel in den Hinterreifen eingefahren (kein Wunder bei der Fahrweise...), konnte aber in Zusammenarbeit mit den anderen verrückten Chauffeuren das Problem an Ort und Stelle schnell beheben und sich danach im Sand ordentlich abreagieren. Eine Achterbahn ist ein Sch... dagegen!!

Am letzten vollen Tag hatten wir alle Hände voll zu tun, das noch viel luxuriöse 5-Sterne-Hotel Jumeirah Zabeel Saray angemessen zu genießen. Eine indische Hochzeit hatte fast das komplette Hotel gebucht und uns somit in vorgelagerte Villen gespült, die zum einen direkt am Strand lagen, zum anderen einen eigenen Palmengarten und überdachten Pool hatten... Gut, dass man sich in wenigen Tagen nicht an solchen Luxus gewöhnen kann!
Zu den inklusiv-Angeboten des Hotels gehörte auch ein Besuch im Wild Wadi Wasserpark, einem Spaßbad der Extraklasse gegenüber des Burj al Arab, des wohl bekanntesten Hotels der Welt. Highlight hier: die Highspeed-Wasserrutsche mit Countdown, die in Sekundenbruchteilen aus gewöhnlichen Badeshorts eine Speedo-Badehose macht (da kann man die Arschbacken noch so zusammenkneifen...).

Als eine Art krönenden Abschluss ging es hinauf auf das höchste Gebäude der Welt – den Burj Khalifa, zumindest auf dessen Aussichtsplattform in gut 450 Metern Höhe. Es wirkt wie eine Art letzter Beweis für die Guinness-Buch-inspirierte Bautätigkeit der Dubai-Scheichs. Während denen beim Bau des Wolkenkratzers (wobei man bei 830 Metern Höhe vielleicht mehr von einem Wolken-Durchstoßer sprechen sollte) durch die Weltwirtschaftskrise bedingt die Kohle ausging (insgesamt waren für den Bau schlappe 1 Milliarde US-Dollar von Nöten) sprang der nette Nachbar aus dem Süden ein und die noch reichere Scheich-Familie aus Abu Dhabi gewährte im Stile von Schwäbisch-Hall einen Baukredit. Es gibt aber noch mehr solche mäßig durchdachten Aktionen im Land der Architekten-Träume.
Als es darum ging die palmenförmigen Inseln aufzuschütten wurde zunächst Wüstensand versenkt (liegt ja irgendwie nahe). Der hat aber durch die windbedingte Dünen-Bewegung runde Körner und kullert sozusagen hinaus ins tiefe Meer. Als das klar wurde, sprang eine holländische Firma ein (die kennen sich ja mit Landgewinnung am besten aus) und pumpte Sand vom Meeresboden hoch. Damit gings gleich viel besser. Während die erste, die Jumeirah Palme schon fast vollständig bebaut ist und über einen Metro-Anschluss verfügt, ist die zweite in Jebel Ali gerade mal in der ersten Bebauungsphase und die dritte noch nicht mal fertig aufgeschüttet. Es ist auch nicht klar, ob es dazu jemals kommen wird, denn jetzt gibt es ja auch noch weiter draußen die Möglichkeit Teile der „Welt" als sein neues Insel-Zuhause zu erwerben. Lustig finde ich auch, dass die ganzen Aufschüttungsprojekte die Strömung im Golf etwas verändert haben (das hätte jeder Physikstudent im zweiten Semester vorhersagen können) und daher im Bereich des Burj al Arab eine Verlandung eingesetzt hat. Jetzt sind die Jungs ständig überall am Aufschütten und müssen gleichzeitig immer wieder das segelförmige Hotel weiter ausbuddeln, damit es weiterhin auf einer Insel steht... So lange es noch Öl, Inder, holländische Baufirmen und Touristen gibt, die daran Freude haben, sind das aber vermutlich eher nebensächliche Probleme.

Ich bin jedenfalls gut auf meine Kosten gekommen auf diesem Luxustrip in die Wüste. Dort wohnen oder gar arbeiten würde ich aber dennoch nicht wollen. Die nächste Reise geht daher konsequenterweise wieder nur nach Mellendorf. Ich komm morgen zum Training. Der Anreiseweg ist zwar erheblich weiter als aus dem Heideweg, aber ab und an ist es mir das ja wert.