Typiskt svenskt (1): Die Kanelbulle

So, nun komme ich also endlich mal dazu, etwas mehr über das Land zu berichten, was in Form eines recht spärlich besiedelten Königreiches gut die Hälfte der Skandinavischen Halbinsel einnimmt.

Ich hab mich in den vergangenen gut eineinhalb Jahren prima eingelebt und mein Schwedisch muss sich mittlerweile auch nicht mehr verstecken. Man könnte also soweit gehen, mich als das perfekte Trojanische Pferd zu bezeichnen, mit Hilfe welchem ein guter Einblick in die kleinen Besonder- und Eigenheiten der sonst eher reservierten Schweden zu erhaschen ist. Diesem Auftrag sehe ich mich durchaus gewachsen und fasse dieses Unternehmen unter der obigen Rubrik zu einer kleinen Serie zusammen.

Die Zimtschnecke – hierzulande „kanelbulle" (wörtlich: Zimtbrötchen) – darf den Anfang machen. Dem Außenstehenden mag das eigenartig erscheinen, aber dieses Gebäckstück ist im schwedischen Alltag ausgesprochen zentral und man wundert sich, warum es nicht auf Münzen und Geldscheinen abgebildet ist (die ja zu gewissen Teilen zum Erstehen genau solcher über den Ladentisch gehen). Zimt ist hier zunächst mal kein an Weihnachten gebundenes Gewürz. Diesen Part hat Safran übernommen und damit Zimt ermöglicht, meist in Einheit mit Kardamom ganzjährig Gebäckstücke aller Art zu würzen. Dass die Verbindung des gemeinen Schweden zu Gebäck eine innige ist, zeigt sich unter anderem daran, dass es verschiedene „Feiertage" anlässlich von Backwerk gibt. Der 4. Oktober ist „Kanelbullensdag". Man hat da leider nicht frei, also so gesehen ist es ein mieser Tausch gegen den deutschen 3. Oktober, aber die Tatsache, dass es an diesem Tag in jedem Laden die Schnecken zu Spottpreisen gibt, macht es dennoch zu einem besonderen Datum. Am Aschermittwoch (= Fettisdagen) ist ein mit Sahne und Marzipan gefülltes Brötchen der Star des Tages und einen „våffeldag" gibt es auch (der deckt sich mit Mariä Verkündigung). Man könnte jetzt unken und behaupten, dass hier konsequent katholische Feiertage gegen Back-Feiertage ausgetauscht werden, aber ich vermute eher, dass das schwedische Volk, was im Pro-Kopf-Verbrauch Kaffee-Weltmeister ist (ich ruinier da ein bisschen den Schnitt), dem so hoch geschätzten Beiwerk eine gewisse Ehre zukommen lassen will.

Als ich vor genau zwei Jahren in einem Reiseführer gelesen hatte, dass die Kanelbulle von Einheimischen auch gerne mal als Ersatz für eine richtige Mahlzeit hergenommen wird, konnte ich mir ein ungläubiges Kopfschütteln nicht verkneifen. Stand heute nehme ich das Kopfschütteln zurück und betrachte mich als einheimisch.

Ganz so wenig ernährungsbewusst wie das jetzt scheinen mag, sind Schweden allerdings nicht. Ein Beispiel dafür ist das Phänomen der „lördagsgodis" (wörtl.: Samstags-Süßigkeiten). Was man in Deutschland lediglich aus dem Freibad kennt, ist hier allgegenwärtig: „lösgodis" (= lose Süßigkeiten) – also die Möglichkeit sich mit Schaufel und Papiertüte aus unzähligen Töpfchen seine eigene Süßigkeitenmischung zusammen zu stellen. Sogar der LIDL beugt sich dieser Tradition, die einst in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in Stockholm ihren Anfang nahm, und bietet eine solche Selbstbedienungstheke an. In den 80er-Jahren wollten dann schwedische Forscher herausgefunden haben, dass ein Grund für die schlechten Zähne der suchtartige Konsum von lösgodis sei und es bedeutend besser wäre statt ständig ein wenig, seltener eine ordentliche Portion zu verdrücken. Um diese Umschulung den Kids auch im übertragenen Sinne schmackhaft zu machen, wurde eingeführt, dass es nur samstags, dafür eine anständige Portion Süßes gibt. Quasi das Gegenspielerpaar Fastenzeit-Ostern in klein. Ich wäre mal an einer Nachfolgestudie interessiert, die den positiven Effekt von dieser Aktion untersucht...

Im Großen und Ganzen ist dieser deutsch wirkende Kontrollzwang hierzulande aber eher die Ausnahme. Bei der Zugfahrt Richtung Niedersachsen scheinen die lokalen Schaffner immer nur mit gespieltem Interesse auf meine Südschweden-Spezial-Fahrkarte zu äugen. Ich würde an deren Stelle ja mal genauer nachhaken, warum die DB Fahrkarten von Schweden nach Deutschland verkauft, die billiger sind als die schwedischen Fahrkarten für die dabei inbegriffene Strecke innerhalb Schwedens. Vielleicht wollen sie aber auch einfach nur der Scham entgehen, sich das deutsche Ticket vorlesen und erklären zu lassen.
Bei der Rückfahrt letzten Monat das absolute Gegenteil: Der leicht schielende aber nette Schaffner im ICE von Hannover nach Hamburg bestand darauf, ein déjà-vu zu haben und höchstens zwei Wochen zuvor eine Fahrkarte „Mellendorf – Göteborg Central" kontrolliert zu haben. Da ich das aber nicht gewesen bin, stellt sich mir die Frage, wer mir da Konkurrenz machen will...

Apropos Konkurrenz: Die Saison in der schwedischen 4. Divison ist mittlerweile beendet und zum einen erhebt mich das im letzten Blog-Eintrag unterschwellig angedeutete Unentschieden beim Tabellenzweiten in den Status eines Propheten, zum anderen folgte darauf – unterbrochen durch eine schallende 20:38-Ohrfeige gegen den Tabellenprimus Backa HK – noch ein Sieg gegen den Vorletzten und auswärts beim Dritten. Dieser Schlussspurt hievt den Chalmers Handbollsklubb vom zeitweilig letzten auf den fünften Tabellenplatz. Ende gut, (fast) alles gut.
Die Division 4, Göteborg västra ist genau genommen drei Ligen in einer: Backa hat im Endklassement 40 Punkte, Kongelf und Bjurslätts 26 und 24, alle anderen Teams zwischen 18 und 14...
Was die Kanten von Backa allerdings in dieser Liga verloren haben wissen die vermutlich selbst nicht. Schon letztes Jahr waren sie unangefochtener Serienmeister geworden und blieben dank einer Fusion mit einem anderen Verein zwangsweise in unserer Liga, weil sie als zweite Mannschaft der neugegründeten Spielvereinigung nicht zu der zugehörigen ersten in die Liga drüber aufsteigen durften (die hatten das Ziel Aufstieg nämlich verpasst). Dieses Jahr geht es nun für beide Teams eine Liga hoch. Das diesjährige Torverhältnis von +214 Toren (nach 21 Spielen) ist die klare Aussage, dass Backa in der vierten Division von keinem anderen Team vermisst werden wird. Schade eigentlich, dass der FC Bayern nicht aufsteigen kann (zum Wohle der Liga)...