Typiskt svenskt (2): Der Volvo

Ein außerhalb des Landes vermutlich noch bekannteres Markenzeichen Schwedens als die Kanelbulle ist der Volvo. Der Name entstammt dem Lateinischen und bedeutet „ich rolle". Angesichts der Tatsache, dass die meisten dieser Personenwagen ausgesprochen quaderförmig daher kommen, muss das wohl explizit dazugesagt werden.

Hauptsitz der Volvo AB (= aktiebolag, d.h. AG) ist Göteborg, also genauer genommen Torslanda, ein Vorort auf Hisingen. Die Beziehung zu diesem schwedischen Aushängeschild ist allerdings vielschichtig und muss als „Hassliebe" bezeichnet werden. Einerseits ist fast jedes zweite Fahrzeug auf Göteborgs Straßen (z.B. auch die Busse des Nahverkers) ein Volvo – vermutlich vor allem deshalb, weil sie den Ruf der Verkehrssicherheit genießen und damit dem in Schweden vorherrschenden Sicherheitsdenken Genüge tun. Andererseits ist sich selbst die lokale Bevölkerung der dem Auge wenig schmeichelnden Form der Vehikel bewusst. Ein gängiger Witz fasst dieses Verhältnis prägnant zusammen: Volvos sind deshalb in den Unfallstatistiken auf den besten Plätzen, weil die anderen Verkehrsteilnehmer in deren Umgebung die Geschwindigkeit drosseln um sich anschauen zu können, wie hässlich die eigentlich sind.

In den vergangenen Jahren hat sich jedoch einiges geändert. Die Formen sind runder geworden, das Unternehmen wurde 1999 zuerst an Ford, dann 2010 an Geely, einen Autobauer aus China verkauft. Der Titel dieses Eintrags ist also genau genommen mittlerweile eine Lüge...

Berühmt geworden durch den hierzulande herrschenden Sicherheitsfimmel sind sowohl die A-Klasse von Mercedes, wie auch das kleine Örtchen Arjeplog in Lappland. Wer erinnert sich nicht an den Umfall-Benz, der damit durch den in Schweden entworfenen Elch-Test gefallen ist. So dämlich dieser Fahrdynamik-Test in deutschen Ohren auch klingen mag, in Skandinavien ist die Situation einem unvermittelt aus dem Wald tretenden Elch auf der Straße zu begegnen ein durchaus realistisches Szenario. In den weiten Wäldern Nordschwedens werden deshalb auch systematisch Salz-Lecksteine für die Elche abseits der Straßen ausgelegt, damit die Geweihträger nicht zum Salzfassen auf die gestreuten Straßen kommen. Auch das Untermischen von Zucker im Streusalz wurde getestet. Zucker hat ähnliche abtauende Wirkung, schädigt das Grundwasser nicht so sehr und lockt weniger Elche an.

Arjeplog hingegen lockt Winter für Winter das who-is-who der Autobauer-Branche an. Dort werden dann auf zugefrorenen Seen allerhand entwickelte Autoteile auf ihre Wintertauglichkeit getestet, bevor das Kaff wieder in den Sommerschlaf und die Bedeutungslosigkeit fällt – die Witterung dieses Jahr könnte dem Treiben allerdings eine ungewöhnlich lange Saison bescheren. Auch Conti(nental) nutzt im Jahresrhythmus diese Gelegenheit, Winterreifen im Grenzbereich zu fahren, weshalb AirBerlin tatsächlich eine Direkt-Verbindung von Hannover nach Arvidsjaur (das liegt ca. 90km südwestlich von Arjeplog) bedient, jedoch nur von Dezember bis März. Mir hilft das leider wenig, denn Göteborg ist von Arvidsjaur eineinhalb mal soweit entfernt wie von der Wedemark...

Wer schon mal von einem Volvo samt telefonierendem Fahrer beinah über den Haufen gefahren wurde, wird an der angedichteten Verkehrssicherheit zweifeln wollen. Mir lag auch schon mehrfach auf der Zunge dem Auto ein „das kostet bei uns 40 Euro, du Affe!" nachzurufen. Allein der Beschimpfte hätte es nicht verstanden (selbst auf Schwedisch nicht), denn hierzulande ist Telefonieren am Steuer nicht im Geringsten verboten. Das riecht nach Doppelmoral, könnte aber auch an der innigen Beziehung des gemeinen Schweden zu seinem Smartphone liegen, dass es da keine Einschränkung von Seiten der Politik gibt.
Ich bin vermutlich weit und breit der einzige hier, der noch kein iPhone 5, 6 oder wie weit die bei Apple mittlerweile auch immer gekommen sein mögen, sein eigen nennt. Frei nach dem weisen Spruch „smartphone – stupid user" bleibe ich bei meinen beiden Steinzeit-Handys.

Eine andere Autofahrer-unfreundliche Sache wurde allerdings zum Jahreswechsel eingeführt: Die sogenannte „Trängselskatt" (wörtlich Stau-Steuer), ein Euphemismus für City-Maut. Ein Professor der Chalmers hat schon vor Einführung des Systems anhand von Verkehrsdaten simuliert, dass es aufgrund von Verkehrsteilnehmern, die die Mautstellen umfahren wollen, zu chaotischen Zuständen kommen wird. Statt auf ihn zu hören, und anständig zu planen, bevor das System eingeführt wird, hat sich die Stadt entschieden, einfach im Verlauf des entstehenden Chaos nachzubessern. Die Maut ist ja nur vordergründig dazu gedacht, die Verkehrssituation in der Stadt zu verbessern. Eigentlich soll mit den Einnahmen eine neue Brücke über den Fluss finanziert werden, die gute alte Götaälvbron, eine in den dreißiger Jahren erbaute Klappbrücke, hat nämlich ihre besten Zeiten längst hinter sich.

Dieses Schicksal teilt sich die Brücke leider mit Redbergslids IK, dem eigentlichen Göteborger Handballverein. Der Großraum Göteborg ist ja gar mit vier Mannschaften in der Elitserien (so heißt die höchste schwedische Spielklasse) vertreten, aber die anderen drei (Sävehof, Alingsås und Aranäs) sind jeweils in Vororten zuhause. Rebergslids hatte nun die Hoffnung sich auf den letzten Drücker als Achter noch in die Playoffs zu mogeln und wollte dazu möglichst viele Zuschauer mobilisieren. So konnte man gestern Abend kostenlos dem letzten Saisonspiel beiwohnen. Das haben wir auch gleich in voller Mannschaftsstärke getan. Kleiner Schönheitsfehler: Der RIK hatte schon vor dem Spiel drei Punkte Rückstand auf den achten Platz, die ja bekanntlich mit einem Match nicht mehr aufzuholen sind. Man fragt sich angesichts der Reihe an Topspielern, die hier schon mal ihre Handballschuhe geschnürt haben, wie es soweit kommen konnte.
Neben den Bundesliga-Keepern Andreas Palicka (THW Kiel), Dan Beutler (HSV) und Martin Galia (TV Großwallstadt) haben auch solche Größen wie Ljubomir Vranjes (jetzt Trainer in Flensburg), Stefan Lövgren (ehemals THW) und vor allem auch der aktuelle RIK-Trainer Magnus Wislander hier über Jahre gespielt. Der einzige bekannte Spieler im jetzigen Kader ist Henrik Lundström, der nach acht Jahren THW zu Redbergslids zurückgekehrt ist. Aber sinnbildlich für den Verein, der immerhin schwedischer Rekordmeister ist, hat auch letztgenannter seinen Zenit überschritten. Gestern Abend konnte der RIK (vor knapp 1000 Zuschauern) zwar nach einer ausgeglichenen ersten Hälfte noch 28:17 gegen Skånela gewinnen, aber das hatten sie ihrem 17-jährigen (!) zweiten Torwart, Tobias Thulin, zu verdanken, der schon in der ersten Halbzeit eingewechselt groß aufspielte und in der gesamten zweiten Hälfte nur dreimal hinter sich greifen musste. Meister Lundström erzielte außer einem verwandelten Siebenmeter keine Tore und fiel vor allem durch einen gruseligen Heber zwei Meter über das Tor auf. Fragt sich nur wie lange dieses Torwart-Wunderkind noch dem Ruf der deutschen Bundesliga widerstehen kann, sollte er von den Spähern entdeckt werden...

Das schwedische Äquivalent zu „Schuster bleib bei deinen Leisten" heißt nicht umsonst „Låt målvakten stå i mål!" (wörtlich: Lass den Torwart im Tor stehen). Ein Grund mehr, dass ich diesen Blog trotz aller Wartezeiten nicht so einfach aufgeben werde ;-)