Typiskt svenskt (3): Zurückhaltung und skandinavische Gelassenheit

Wohl das unschwedischste schlechthin ist ein lautstarker Konflikt. Man fällt da als Ausländer schnell auf. Ein Schwede, der kurz vor dem Durchdrehen ist, sagt eher sowas wie "Das ist so aber nicht ganz in Ordnung!" (in wohlgewähltem Ton versteht sich). Während es in Deutschland von notorischen Dauernörglern und Wichtigtuern nur so wimmelt, herrscht hier gewissermaßen nordische Ruhe.

Dafür gibt es so unzählig viele lustige Beispiele, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Dem Zuhause dieses Blogs geschuldet kommt das erste Exempel aus dem Handballsport. Im vorletzten Saisonspiel (der 18-Tore-Rutsche gegen Backa) fanden die Schiedsrichter dieses ungeschriebene Gesetz der Gemäßigtheit mit harter Hand durchsetzen zu müssen und gaben unserem Mittelmann, der eine verpatzte Auslösehandlung mit einem "Fy fan!" (wörtl. "Pfui Teufel!", von der Bedeutung her eher "Verdammt!") quittierte, dafür die gelbe Karte. Unser Torwart, der eines der vielen Gegentore mit einem wütenden Faustschlag gegen den Pfosten bedachte, schickten sie gar per Zeitstrafe zum Nachdenken auf die Bank.
Es ziemt sich nicht nur nicht, durch ausdrucksstarke Mimik, Gestik oder Wortwahl auf sich aufmerksam zu machen, es ist einfach verpönt und un-schwedisch. Zlatan Ibrahimovic, der landesweit vergötterte Fußballstar ist die einzige geduldete Ausnahme. Zum einen erzählt er immer wieder die Geschichte, dass er sich (aufgewachsen in den ärmeren Außenbezirken von Malmö) in seiner frühen Kindheit ein Fahrrad geklaut hatte, um zum Training radeln zu können und erntet dafür eigentlich nur vergebungsvolles Verständnis – auch wenn kein Eingeborener je so handeln würde. Zum andern machte er vor kurzem durch einen Disput mit einem Parkwächter am PSG-Trainingsgelände Schlagzeilen. Der pflichtbewusste Herr machte Zlatan darauf aufmerksam, dass es nicht in Ordnung sei, den etwas weiter entfernt befindlichen Spielerparkplatz gekonnt zu ignorieren und seinen Schlitten dafür auf die für die Offiziellen gedachten Plätze direkt am Trainingszentrum zu parken. Der Angesprochene erwiderte, er würde persönlich für die Entlassung des Parkwächters sorgen, wenn der sich erdreistete ihm einen Strafzettel auszustellen. Außerdem könne er auch in der Umkleidekabine parken, wenn er das wolle, weil er Zlatan Ibrahimovic sei!

Das ist ein so eklatanter Verstoß gegen das sogenannte "jantelagen" (ein aus einem Roman von Aksel Sandemose stammendes "Sittengesetz"), dass der gute Zlatan eigentlich mit einem Einreiseverbot verhängt werden müsste. Aber wer aus dreißig Metern Torentfernung neugebaute Stadien mit Fallrückzieher-Toren gegen England einweiht, hat selbst in Schweden einen Freifahrtschein für ungebührliches Verhalten. Vielleicht straft er ja heute Abend im Duell mit Barca den Gedanken des jantelagen, dass keiner besser ist als die anderen, kurzerhand lügen...

Andere, nämlich die Stockholmer, die ähnliche Allüren aber weniger vorzeigbare Heldentaten haben, sind landesweit als eingebildet und snobby angesehen. Wer im Großraum der Hauptstadt wohnt und bestenfalls auch noch den dortigen lokalen Dialekt spricht, wird andernorts leicht despektierlich als 08er bezeichnet (08-... ist die Vorwahl von Stockholm). Um das Ganze auf die Spitze zu treiben: Ist es nicht auch ein eingebildetes Verhalten, ein knappes Zehntel der Bevölkerung Schwedens über einen Kamm zu scheren und der Überheblichkeit zu bezichtigen?!?

Also wie dem auch sei, wer hierzulande versucht, durch Wichtigtuerei zum Erfolg zu kommen, wird vermutlich nicht anecken (man steht ja gelassen über den Dingen), sich aber auch ganz gewiss keine neuen Freunde machen. Dass noch kaum ein Streit die Welt besser gemacht hat, ist ja auch nur schwer zu bestreiten (was in Nordkorea scheinbar anders gesehen wird).
Ein allgegenwärtiger Ausdruck des schwedischen Hangs zur Deeskalation sind die mittlerweile bis zur DB am Hannoveraner Hauptbahnhof durchgedrungenen elektronischen Wartesysteme. Ob an der Wursttheke, in der Steuerbehörde oder im Kundenbüro des Nahverkehrs – überall muss man sich ein Wartemärkchen ziehen und warten bis man aufgerufen wird, und das egal, ob da schon hundert andere warten oder Schalter/Bedienstete frei sind. Wer in Schweden wohnt, verlernt die Kunst des aktiven Anstellens...
Auf den üblichen "Dunkle Schuhsohlen VERBOTEN!"-Schildern in den Sporthallen stehen hierzulande fast lieblich wirkende Sätze wie "Hier verwenden wir nur Sportschuhe, die auf dem Hallenboden keine Striche hinterlassen". :-)

Das beste und lustigste Beispiel bleibt aber dennoch der Poseidon-Brunnen am Götaplatsen. Poseidon ist ja bekanntermaßen der Gott des Meeres und der Schifffahrt und hat daher für die Stadt eine gehobene Bedeutung. Wenn man sich den Kerl jetzt mal aus der Nähe anschaut, fällt vor allem eines auf.

Wie soll ich das jetzt sagen ohne konkret werden zu müssen... also nicht alles an ihm ist so reichlich proportioniert wie der stattliche Fisch und die Riesennase (von wegen "Wie die Nase eines Mannes,...") Er war aber nicht von Anfang an untenrum so schlecht ausgestattet. Als der Brunnen eingeweiht wurde, entsprach der kleine Poseidon etwa den Proportionen des großen. Nach einer öffentlichen Diskussion darüber, warum mitten in der Stadt ein griechischer Gott mit seiner Männlichkeit protzen müsse, gingen Unbekannte kurzerhand eines Nachts mit einer Metallsäge zu Werk und entfernten den Lümmel des Anstoßes. Als Kompromiss – weil man das ja so nicht stehen lassen wollte – wurde dann mit deutlich verringerten Ausmaßen nachgegossen.
Mir entlockt der Anblick bei jedem Vorbeigehen bzw. -fahren ein wohlgemeintes Schmunzeln und so gesehen trägt die skandinavische Gesellschaftsordnung einmal mehr zum Wohle aller bei.

Mal sehen, was ich am Sonntag im Duell mit den Burgdorfern beitragen kann, denn so rasend schnell, wie es hier wieder Tageslicht bis in den Abend hinein gibt, ist auch mein nächster Besuch in der Wedemark kalendarisch herangerückt. In einem heißumkämpften Kräftemessen um den vierten Platz in der Regionsliga wird sich wohl zeigen, wer den längeren hat... Atem natürlich, keine Panik Poseidon!