Erst eine flotte Partie, dann tote Hose

Das scheint das vorherrschende Motto der letzten Wochen zu sein...
Angefangen hat es noch mit dem Saisonabschluss der MTV-Herrenmannschaft. Nach einem bissigen Kampf gegen Burgdorf 4 um die Plätze kam das große Debakel in der Eissporthalle zu Hänigsen. Wussten die (Ost-)Friesen denn gar nicht, dass es für die nur noch um des Kaisers Bart ging...?!?

Wie mir zu Ohren gekommen ist, hat es dennoch aufgrund einer zünftigen Runde Satzungs-Mau-Mau am grünen Tisch zum Aufstieg gereicht. Regionsoberliga also jetzt... Dort gibt es auf jeden Fall ein Wiedersehen mit dem wurfgewaltigen Mittelmann, den Empelde 2 damals nach deren debakelartigem Vorspiel zur Mellendorfer Meisterfeier im April 2011 an Empelde 1 zurückgeben musste. Was es da sonst noch so gibt, wird man wohl sehen müssen. Ich hoffe in Meitze werden schon ein paar zusätzliche Handballtalente gebacken!
Kaum auszumalen, wenn das so weitergeht. Dann haben wir irgendwann einen Reiseetat und ich kann zu mehr als nur zwei-drei Gastspielen anreisen ohne Privatinsolvenz anmelden zu müssen ;-)

Das „zuerst-Hui-dann-buh"-Motto passt auch auf die neueste Generation der Göteborger Straßenbahnen. Die sind zwar noch überhaupt nicht alt, rosten aber so fleißig vor sich hin, dass April/Mai über 90% davon wegen Sicherheitsbedenken aus dem Verkehr gezogen wurden. Stattdessen kamen die schon längst museumstauglichen Modelle aus den 50-er Jahren wieder zum Einsatz. Gut dass man davon noch ein paar auf Halde hatte. An sich sind die neuen Flitzer ja wirklich schick, aber nach einigen Problemen mit deren Unterböden standen sie nun schon wieder in der Werkstatt statt ihren Dienst zu tun. Die Stadt hat dem süditalienischen Unternehmen Ansaldobreda, das diese Rostlauben geliefert hat auch schon Druck gemacht. Erfolglos. Es läge an dem ungewöhnlich hohen Rostkoeffizienten von Göteborg. Anderswo gäbe es damit keine Probleme. Hmmm. Nun liegt die Stadt ja nicht erst seit gestern mit feuchten Sommern und Wintern gesegnet am Meer. Zudem hab ich vor kurzem in der Zeitung gelesen, dass es mittlerweile in Oslo ähnliche Probleme gibt. Der ebenselbe Hersteller reagierte wieder gelassen, dass man das Problem bereits aus Göteborg kenne und sich damit befasse... Bei so einer Einstellung kann man sich ja kaum wundern, warum sich in Italien nicht mal mehr auf freiwilliger Basis eine Regierung zusammenschustern lässt. Das Thema wurde jedenfalls auch beim Cortège, einer Art Faschingsumzug, jährlich von den Chalmers-Studenten am Valborgsmässoafton (= 30. April) veranstaltet, aufs Korn genommen. Eine nachgebaute Linie 5 war Richtung "värkstan", einem Mischwort aus "värk" (= Schmerz) und "verkstan" (= Werkstatt) unterwegs, auf deren Seite zu lesen war: "Kvalitet kostar, dessa rostar. OBS! Ej för utomhusbruk!" ( Qualität kostet, diese rostet. Hinweis: Nicht zum Gebrauch im Freien geeignet!). Dann waren noch fahrende stille Örtchen mit von der Partie. Was dahinter steckte konnte ich jedoch nicht herausfinden. Auf einem Laster war ein Fußballfeld aufgebaut, wobei sich eine Seite hydraulisch anheben ließ und der Ball dann immer ins gleiche Tor rollte. Darunter der Spruch: "Merkel får jubla vid 4 mål, sen blir Tyskland som ett hål!". Übersetzt heißt das: Merkel darf bei 4 Toren jubeln, dann wurde Deutschland zu einem einzigen Loch! Ich bleib dabei, auch wenn Ecuador vor kurzem versucht hat an dieses traumatische Erlebnis zu erinnern, es wird im Oktober ein Wiedersehen in der Friends Arena in der Nähe von Stockholm geben, dann wird man sehen, wer zuletzt lacht. Özil und Kollegen sollten nur vermeiden sich des obigen Mottos anzunehmen.

Und wenn wir gerade beim Sport sind, auch die Schweizer Eishockeyfreunde sollten damit was anfangen können. Erst alles in Grund und Boden spielen, dann den Tre Kronors in aller schweizer Zurückhaltung den Pokal überlassen. Hatten sich die Eisgenossen sicherlich anders vorgestellt. Hierzulande war es jedoch die perfekte Wiedergutmachung zum Eurovisions-Debakel. Die Nachfolger von Loreen mussten ja der Eishockey-WM wegen nach Malmö ausweichen, was trotz der unvorstellbaren Begeisterung für den Song Contest in ganz Schweden den Stellenwert beider Veranstaltungen gerade rückt. Ich hab mich dem allgegenwärtigen Sog hingegeben und wieder public geviewt, wie die Dänen einen Favoritensieg einheimsen konnten. Mir ist vor allem der Rumäne in Erinnerung geblieben, der mit seiner Nackenhaare aufstellenden Imitation einer schlechten Opernsängerin aufzeigen konnte, wie lange drei Minuten eigentlich sein können... Aber auch im Publikum hatte so mancher etwas daneben gegriffen. Mir fiel eine südkoreanische Flagge und ein schwarz-rot-goldener Staubwedel auf?!? Den Vogel abgeschossen hat in meinen Augen aber Griechenland. In Schweden einen Song mit dem Titel „Alkohol is free" zum Besten zu geben ist auf allen Ebenen Thema verfehlt!

Wem die obige Schreibweise von „kvalitet" gefallen hat, dem kann ich noch ein paar weitere ausgesprochen nette Verballhornungen nennen, die sich die schwedische Sprache erlaubt hat.
So wurde der Sessel aus dem französischen „fauteuil" aussprachegerecht zum „fåtölj". Die Worte
"adjö", "träning" und mein ganz spezieller Favorit „nörd" erklären sich von selbst.

Ich schweife aber ab. Zu obigem Motto passt (leider) noch eine gute Menge mehr. Bei einer Kurzvisite in Ba-Wü musste ich mir von Cousin Nicolas und Sir Franz tatsächlich beim Kubb was vormachen lassen. Dieses schwedische Wurfspiel sollte doch eigentlich in jeglichem Sinne ein Heimspiel für mich werden, aber trotz der Tatsache, dass Sir Klaus mit Knechte-massenmordenden Trickwürfen den Sieg im ersten Duell für uns einheimste, waren wir in den anschließenden Vergleichen stets besiegt worden. Werde ich an Midsommar noch ein bisschen üben müssen. Soviel Schweden-Stolz hab ich in jedem Fall.

Meine 1.-Mai-Radtour sollte mich einer ehemaligen Festung (Oscar II Fort) an der Mündung des Göta Älv näherbringen. Das war zunächst ein echt schwieriges Unterfangen, weil es wenig Wege dorthin gibt, die mies ausgeschildert sind und auch zu allem Überfluss immer wieder nach wie vor genutztes militärisches Gelände im Weg lag. Zu guter Letzt stand ich vor einem Tor mit der richtigen Beschriftung, lediglich es war verschlossen. Hatte aber nicht das Bedürfnis dem Motto ein weiteres Mal Folge zu leisten und mich daher einfach durch den Spalt zwischen den Toren durchgezwängt. Dass man das Fort eigentlich besichtigen kann (aber scheinbar nicht an Feiertagen) ließ mir die Hoffnung, sollte ich aufgegriffen werden nicht gleich als ausländischer Spion eingebuchtet zu werden, aber unwohl war mir dennoch. Die Aussicht von dieser historisch bedeutsamen Stelle aus entschädigte aber für alle Mühen!

„Erst flott unterwegs, dann tote Hose" passt auch auf meine beiden ersten Segeltörns im Kattegat. Sascha, der andere regelmäßig im „träning" der Chalmers-Truppe erscheinende Deutsche, hat sich kurzerhand ein kleines Segelboot gekauft und mich dann zu einem Törn eingeladen. Beim ersten Mal waren wir sehr gemütlich unterwegs und wurden lediglich beim Zurücksegeln von einer absoluten Flaute erwischt. Dass es in und um Göteborg überhaupt Windstille gibt, war uns nicht bewusst gewesen und so dümpelten wir bei spiegelglatter Meeresoberfläche eine Weile vor uns hin, bevor der Bordmotor die Idylle zerstörte und uns die letzten ein, zwei Seemeilen zum Hafen brachte.
Beim zweiten Mal war erheblich mehr Wind im Spiel und die kleine Jolle zischte nur so übers Wasser. Einige sehr waagerechte Lagen später entschieden wir uns diese Nahtod-Erfahrungen zu meiden und mit einem Tausch des Bugsegels von groß auf klein in einem waghalsigen Manöver im Windschatten einer Insel die Situation zu verbessern. Da der Wind dann auch noch drehte, war es dennoch eine nicht immer vergnügliche Anstrengung wieder Richtung Björlanda zurück zu kommen. Endlich an der Hafeneinfahrt angelangt wurden Bug- und Hauptsegel eingeholt und
der Motor angeworfen. Wie also passt hier die „tote Hose" ins Bild. Nun ja, der Motor klagte nach wenigen Sekunden über Benzinmangel und ließ uns im Stich. Schnell nochmal das Segel gehisst, kamen wir immerhin ein Stück weit, hingen dann aber in einem Gang mit Gegenwind fest. Immerhin gab es Holzpfähle um sich panisch daran festzuklammern und eine Kollision mit den schicken und unbezahlbaren Yachten zu vermeiden... Der Reservekanister war weggeschlossen, der Schlüssel nicht mitgefahren. Panik-erprobt beseitigte Sascha das Schloss mit Gewalt und gab dem Motor noch ein paar Schluck für die letzten Meter.

Trotz dieser Erfahrungen und Stressmomente hat es mich gestern wieder in den Schärengarten hinausgezogen. Diesmal allerdings wieder in den südlichen und mit der gewöhnlichen Fähre. Da der sechste Juni der schwedische Nationalfeiertag ist, war ich nicht alleine mit der Idee. Dennoch hatte ich die Hoffnung, weniger gestresst als bei den Segeltörns abseits der Horden Ausflügler ein ruhiges Plätzchen zu finden. Immerhin das letztere hat näherungsweise hingehauen. Auf Kårholmen hatte ich beinahe schon ein solches gemütliches Fleckchen eingenommen, als ein Paar Küstenseeschwalben mir verdeutlichen wollte, dass ich ihrem Brutort zu nahe gekommen war. Sag nochmal einer, Vögel können mit ihren Exkrementen nicht zielen... Nachdem ich die Fliegerbomben mit dem Rucksack abgefangen hatte, gingen die beiden allerdings zu Sturzflugangriffen über. Die Hoffnung auf eine Beruhigung der Situation zerschlug sich und ich gab mein Plätzchen unfreiwilligerweise auf um dann von einer Frau, die das Treiben von ihrer Terrasse aus verfolgt hatte, zu erfahren, dass ich nicht der erste gewesen sei, dem es so ergangen war.

Die Insel gefiel mir aber nicht nur deshalb, sondern vor allem auch, weil fast vollständig bebaut nicht so gut. Daher hoppte ich mit Hilfe der Fähre eine weiter (Donsö) und versuchte dort mein Glück. Ein Wanderweg brachte mich weg vom bewohnten Teil der Insel und relativ schnell in idyllische Buchten. Hätte er nur auch den Rückweg so gut vorgegeben. Der Rundweg verlor sich nämlich irgendwann im Nichts und ich kämpfte mich durchs Dickicht auf der Suche nach Trampelpfaden. Gelang mäßig. Als ich in der Straßenbahn zurück in die Stadt saß, war ich mindestens so erledigt wie nach dem zweiten Segeltrip. Ein Duo Alkoholikerinnen intonierte zur Feier des Tages die schwedische Nationalhymne, und das trotz einer ordentlichen Betankung erstaunlich textsicher. Lediglich die Laute, bei deren Bildung normalerweise die Schneidezähne mit einbezogen werden, waren etwas holperig. Letztere waren nämlich bei beiden Grazien Mangelware. In der Hoffnung, dass die Hitzewelle, die im Norden Schwedens für 28 Grad (plus) gesorgt hat und hier immerhin für einen nicht zu beanstandenden Frühsommer, mittlerweile auch Deutschland was abgegeben hat und damit das Regenwetter mit einstelligen Temperaturen vertrieben hat, mach ich mich jetzt auf nach Berlin.