Runt midsommarstången

Dieser Blogeintrag hätte eigentlich auch unter dem Label „typiskt svenskt" laufen können, denn irgendwie ist das Midsommar-Wochenende ja der wahre Nationalfeiertag hier in Schweden. Gleichzeitig markiert es den Anfang der landesweiten Sommerpause in der man hier in der Stadt fast nur noch Touristen antrifft, da alle Einheimischen in ihren Sommerstugas irgendwo auf dem Land hocken und frühestens Anfang August wiederkommen. Den ersten offiziellen Sommerboten markierte aber wie voriges Jahr das Studiehem-interne Grillfest...


Kubb wurde dort leider nicht geübt (hätte doch jede Trainingseinheit nötig), dafür markierten wir mit den Holzklötzchen das Spielfeld des alljährlichen Brännboll-Events. Mit über 50 Leutchen in einem öffentlichen Park Brennball zu spielen, lockt hier in Schweden auch sofort Zuschauer an. Die sahen wie vor Jahresfrist einen erdrutschartigen Sieg nach Punkten von Stockwerk 1&3 gegen 2&4, zu dem ich mit dem ein oder anderen Homerun beitragen konnte. Die Aufteilung ist historisch gewachsen und trägt vor allem der Spieleranzahl Rechnung. Für nächstes Jahr sollte man aber eventuell eine andere Einteilung überlegen, sonst treten die geraden Stockwerke irgendwann gar nicht mehr an... :-)

Der nächste Meilenstein war die Klausurenwoche zum Semesterende. Ich war dieses Mal wieder für eine Klausur auf dem Lindholmen-Campus zuständig. An sich ist das eher nervig, weil der ja
auf der anderen Seite des Göta Älvs liegt und man zwischen den zwei Rundgängen durch die Prüfungsräume gut zwei Stunden zum Vertrödeln hat. Dem schönen Wetter angemessen bin ich dann einfach durch den Keillers Park gestreunert. Der liegt zwar etwas ab vom Schuss, bietet aber eine tolle Aussicht über den Fluss und die Stadt. Man muss sich Arbeitszeit nur schön machen!
Ein anderer Vorteil des Sommers ist, dass dann regelmäßig Fähren über den Fluss fahren und man die Busfahrt zwischen Lindholmen- und Johanneberg-Campus etwas verkürzen, aber vor allem erheblich verschönern kann. Wenn nicht gerade eine der großen Fähren im Weg rumsteht...

Dann war da noch die Kurzvisite in Berlin. Tino durfte mir zwar beim Badminton wie gewohnt einen vorzwirbeln, musste aber anerkennen, dass seine uneingeschränkte Vormachtstellung beim Billard nun endgültig ihre Existenz eingebüßt hat. Nächstes Kräftemessen wird aller Voraussicht nach morgen stattfinden!
Ein weiteres Highlight des Berlin-Wochenendes war die Radtour von Babelsberg aus um den Templiner See. Am Scheitelpunkt der Runde in Caputh trafen wir nicht nur auf ein kleines Brandenburger Örtchen mit lustigem Namen und ländlichem Charme, sondern auch auf ein Sommerhaus, das Einstein regelmäßig besucht hatte. Was genau außer Ruhe und Idylle er dort gefunden hat, ist mir aber schleierhaft, denn abgesehen von einer kleinen Seilfähre gibt es dort nicht viel zu entdecken. Vielleicht hat der gute Albert ja aber auch genau das gesucht (also die ruhige Idylle, nicht die Autofähre).

Am darauffolgenden Wochenende war wieder Wandertag. Diesmal aber entgegengesetzte Richtung. Ich hab mir kurzerhand für eine Tagestour ein Busticket nach Oslo geleistet. Kann ja nicht angehen, dass ich dem Göteborg auf dem Landwege nächstgelegenen Nachbarland noch nie einen Besuch abgestattet habe. Schon auf dem Weg dorthin wurde bei der Grenzkontrolle deutlich, dass bei Norwegen die EU aufhört. In Anbetracht dessen, wie eingehend der afrikanischstämmige Fahrgast, der behauptete in Norwegen sesshaft werden zu wollen und dafür alle Visumsunterlagen zu besitzen, gefilzt wurde, muss man annehmen, dass die freundlich wirkenden norwegischen Grenzer irgendwo in den USA ausgebildet wurden. Ein kurzer Anruf bei der Einwanderungsbehörde konnte die Wogen dann jedoch glätten...

Oslo ist – und das ist wohl das größte Kompliment, das man der Stadt machen kann – sein Geld wert. Denn schnell wird klar, warum Schweden über das Preisniveau in Norwegen klagen, so wie Deutsche sich über die Lebenshaltungskosten in Schweden beschweren.

 
Alles ist einfach unerhört teuer. Allein eine kurze Fahrt mit dem Bus schlägt gleich mit knapp 4 Euro auf die Ausflugskasse. Aber wie gesagt, die Hauptstadt Norwegens ist ausgesprochen sehenswert. Nicht nur die Vancouver-ähnliche Lage am Fuße eines Hügels mit herrlichem Fjord vor der Haustüre, sondern vor allem das Bestreben sich herauszuputzen für die Touristenscharen wirkt sehr einladend. Ich hab in den 8 Stunden zunächst die Innenstadt zu Fuß erkundet, dann eine kleine Rundfahrt durch den Fjord unternommen, von der Skisprungarena auf dem Holmenkollen einen herrlichen Ausblick über das Ganze genossen, am Hukodden, einer ganz im Westen gelegenen Halbinsel, zusammen mit Locals meine etwas strapazierten Füße in den Oslofjord gestellt und zu guter Letzt auf dem Dach des hypermodernen neuen Opernhauses die hochstehende Abendsonne bestaunt. Klingt in dieser Schnelldurchlauf-Variante stressig, war aber sehr entspannt.

Vergangenes Wochenende galt es dann zum ersten Mal das Midsommar-Fest in aller landesüblichen Tradition und Begeisterung zu begehen. 2012 weilte ich ja am ersten Freitag nach dem 21.Juni - auf den sind nämlich die Feierlichkeiten terminiert, um immer ein Wochenende für den Kater zu haben... - in Montréal und konnte so vom Spektakel gar nichts mitbekommen. Dieses Jahr war das Reiseziel Älmhult, genauer Loshult bei Älmhult. Wem das jetzt nichts sagt, der hat beim Möbelriesen in Großburgwedel noch nie mit historischem Interesse aufgeschlagen. IKEA nahm nämlich genau dort seinen Anfang. Um ganz genau zu sein steht dort das allererste Warenhaus, was nach Eröffnung eines moderneren unweit davon nun in ein Museum umgewandelt wird, welches Ingvar Kamprad, der vom Hof Elmtaryd bei Agunnaryd stammt, gegründet hat. Der nette Herr ist mittlerweile 87 und spart als Wahlschweizer Steuern. Da er 2009 sogar unter den fünf reichsten Menschen der Welt zu finden war, stellt man sich die Frage, ob er diese Knauserei denn nötig hat, schließlich gilt sein Unternehmen als Symbol Schwedens!

Aber zum einen tragen es ihm seine Landsmänner und -frauen nicht nach, dass er lieber den schweizer Fiskus mit Franken versorgt als das Skatteverket mit Kronen, zum anderen ist er ja auch ein gebürtiger Småländer. Småland ist nämlich nicht nur das Kinderparadies in jedem IKEA, sondern auch eine historische Provinz Schwedens und dazu das Schwaben des Landes, also Schottland in Schweden. Die von dort stammenden Schweden sind für ihre Sparsamkeit berühmt und berüchtigt, weshalb man hierzulande auch von Snålland (= Geiz-Land) spricht. Es hielt sich das Gerücht, dass Ingvar Kamprad mal vom Durst übermannt die Mini-Bar eines Hotelzimmers angegriffen und dann sein Tun angesichts des Preises der Flasche Wasser bitterlich bereut habe. Er soll dann in einen Supermarkt gegangen sein und die identische Flasche zum Normalpreis und als Ersatz gekauft haben um so das Dilemma zu lösen. Auf Nachfrage eines Journalisten erklärte der Multimilliardär allerdings, dass es sich dabei um eine Legende und zudem um eine hervorragende Idee handle...

Nun ja, jedenfalls nahm das Imperium der Sechskant-Schrauber dort seinen Anfang. Und dem zum Trotz hat dieses südliche Ende Smålands nicht viel seiner ländlichen Idylle eingebüßt. Raffael, ein deutscher Mitarbeiter der Älmhulter IKEA-Zentrale lud zu einem original schwedischen Midsommar ein und sogar zwei waschechte Schweden folgten seiner Einladung. Es wurde ein stattlicher Maibaum geschmückt und errichtet, es gab Kartoffeln mit Dill, Sill (Hering), Erdbeerkuchen, einen kurzen Regenschauer und Tanz um die Midsommarstång. Alles in allem ein Mittsommer, wie er im Buche steht (zumindest in zwei meiner Schwedischkurs-Bücher) mit allem was dazugehört.

Auf dem örtlichen Festplatz waren wir mit unseren blumengeschmückten Bilderbuch-Kränzen aus Birkenlaub eine Attraktion und wurden sogar von Einheimischen fotografiert. Am offiziellen Tanz um den Baum mit dem eigenartigen Lied über kleine Frösche, die keine Ohren und keine Schwänze haben, nahmen wir zwar geschlossen teil, konnten jedoch inhaltlich nicht ganz folgen. Das Fest richtet sich ja aber in erster Linie an Kinder und leicht beschwipste Erwachsene, also verbietet sich vermutlich die Frage nach einem tieferen Sinn des Liedes. Das wohl kürzeste Trinklied der Welt brachte ein zu unseren Feierlichkeiten hinzugestoßener kauziger Nachbar mit Rauschebart zum besten:
„Jag såg en traktor... vad fan! Skål!" (sinngemäß: „Ich sah einen Traktor... ach zum Teufel! Prost!")
Der Kater am darauffolgenden Samstag war individuell unterschiedlich und alle die bis 13 Uhr gefrühstückt hatten brachen zu einer kleinen Sight-seeing-Tour auf. Deren Höhepunkt war ein Bad im Möckeln, einem See der von der Fläche etwa eineinhalb mal so groß wie das Steinhuder Meer ist, im Gegensatz zu selbigem aber so verwinkelt, dass man die Größe jederzeit anzweifeln würde. Beim einsetzenden Nieselregen kam einem das Wasser dann gar nicht mal so kalt vor...

Nun werden die Tage hier also schon wieder kürzer, aber angesichts dessen, dass vor einer Woche die Sonne um 4:11 Uhr über Göteborg auf und erst um 22:17 wieder unterging, ist das erst mal gut so. Das Tageslicht bedroht akut meine REM-Schlafphase. Je mehr sich der Dezember nähert, desto weniger möchte ich mit diesem Satz zitiert werden...

Immerhin bietet sich so - gutes Wetter vorausgesetzt  - auch abends die Möglichkeit zum Beachvolleyball. Hab da in Negenborn was verpasst, wie mir scheint. Erstaunlich, dass Lukas nichts gegen die Veröffentlichung des Videos hatte. :-)